Als Sammler, Mäzen und Initiator von durch ihn mitfinanzierten und mitorganisierten Ausstellungen hat er seine zeitgenössischen Künstlerkollegen unterstützt und gleichzeitig selber Hunderte Gemälde geschaffen, was ihn zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des französischen Impressionismus macht. Die Rede ist von Gustav Caillebotte (1848-1894), der trotz all seiner Mühen, den Impressionismus zu fördern, nahezu in Vergessenheit geraten ist.
Caillebotte kam im Jahr der Französischen Revolution zur Welt und lebte in einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche, die neue Verfassung, die Industrialisierung, die Verstädterung, der Preußisch-Französische Krieg – es waren turbulente Zeiten, in die er hinein geboren wurde. Von diesen Unruhen ist in seinen Gemälden jedoch nichts zu spüren. Abgesehen von Landschaften malte Caillebotte größtenteils Alltagsszenen, deren darauf abgebildete Personen sich eine kleine Auszeit vom großstädtischen Leben zu gönnen scheinen: Ein Mann ist im Schatten eines Baumes, den Hut über sein Gesicht gezogen, eingeschlafen, ein junger Mann spielt Klavier, Frauen verrichten im Garten sitzend ihre Handarbeiten, andere sind in ihre Lektüre vertieft; auf dem Fluss wird gerudert, auf einem der Boulevards flaniert ein Pärchen im Regen.
Caillebottes Gemälde lassen die Zeit für einen Moment stillstehen, die Personen scheinen in ihren Gedanken versunken einen Moment zu pausieren, von Stress und Unruhe ist nichts zu spüren. Selbst seine berühmten Parkettschleifer (1875; Paris, Musée d’Orsay) wirken, obwohl sie bei der Arbeit dargestellt sind, entspannt und strahlen eine innere Ruhe aus.
Caillebotte, der sich erst relativ spät – im Alter von 25 Jahren – mit der erfolgreichen Bewerbung an der École des Beaux-Arts für den Künstlerberuf entschied, malte im Gegensatz zu den anderen Impressionisten realistischer. Seine teilweise fotografisch anmutenden Interieure, Stadt- und Landansichten verknüpfte er jedoch mit einer impressionistischen Malweise und außergewöhnlichen perspektivischen Effekten. Seine Auf-, Schräg- oder Draufsichten sowie seine „herangezoomten“ Ansichten eröffnen immer wieder neue, individuelle Sichtweisen auf das Dargestellte, seine teilweise stark angeschnittenen Motive im Bildvordergrund lösen scheinbar die Grenze zwischen Bildraum und Realraum auf und lassen den Betrachter am Dargestellten direkt teilhaben. Die spektakulären Perspektiven und die zufällig anmutende Motivauswahl erinnern dabei an die zeitgenössische Fotografie. Gerade durch seine individuellen Momentaufnahmen, ein Motiv, das in der Fotografie erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts auftauchte, hat Caillebotte völliges Neuland betreten.
Die Beziehung zwischen Caillebottes Gemälden und Zeichnungen und den fotografischen Positionen des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts ist vom 18. Oktober 2012 bis zum 20. Januar 2013 das Thema der als Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie betitelten Ausstellung in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main. Dort werden zahlreiche Hauptwerke – darunter auch das Gemälde Die Parkettschleifer zu sehen sein. Im Dialog mit zeitgenössischen Fotografien und Werken der Fotografie der 1920er-Jahre von André Kertesz, László Moholy-Nagy, Wolsoder Alexander Rodtschenko soll der enge Zusammenhang zwischen dem Schaffen Caillebottes und der Herausbildung eines neuen künstlerischen Sehens aufgezeigt werden.
Die Gemälde Caillebottes lassen den Betrachter in das Pariser Leben am Ende des 19. Jahrhunderts eintauchen. Trotz der lokalen Gebundenheit der Werke eröffnen sie dem Betrachter aber gleichzeitig auch einen weiten Interpretationsspielraum – Ist es Gelassenheit? Sehnsucht? Fernweh, die aus den Augen der Porträtierten spricht? Was mag in den Köpfen der gedankenversunken in die Ferne blickenden Personen vorgehen?
Entdecken Sie Caillebottes modernes Weltbild und gönnen Sie sich eine Auszeit vom Alltag mit dem neuen im Verlag Parkstone-International erschienenen Buch Caillebotte von Nathalia Brodskaya.
http://www.schirn.de/ausstellungen/2012/gustave-caillebotte/caillebotte-ausstellung.html
-C. Schmidt
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