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Edward Hopper und der Voyeur
24 Sep 2012

Edward Hopper und der Voyeur

Edward Hopper – bei keinem anderen Künstler bin ich lieber Voyeur. Des Nachts findet sich irgendwo ein hell beleuchtetes Büro oder Zimmer, in das ein Fenster Einblick gewährt. Eine alltägliche, meist banale Szene spielt sich ab, Kommunikation fehlt häufig ganz. Dennoch lassen mich diese Szenen verweilen, eine ungewohnte Intimität lässt mich näher an das Werk herantreten – und doch werde ich auf Distanz gehalten.

Ebenso finden sich Szenen, die dem Betrachter suggerieren, sich im selben Zimmer oder Nebenzimmer zu befinden, den Blick auf eine auf ihrem Bett sitzende oder am Fenster stehende (mitunter nackte) Frau freigebend. Räumlich fast involviert, werden wir jedoch auch hier wieder auf Distanz gehalten und in die Rolle des Voyeurs gedrängt. Mit Hilfe von Komposition und Lichtführung gelingt es Hopper, die für ihn typische Intimität der Einsamkeit zu erzeugen.

Hopper gilt als der große amerikanische Chronist, der die Isolation und Einsamkeit des modernen Menschen in einer Welt der Urbanisierung wiedergibt, und er versteht es, eine ganz eigene, manchmal auch melancholische Stimmung zu erzeugen. Karge Räume, menschenleere Landschaften, Bahngleise, Straßenansichten, Cafés, Tankstellen, Leuchttürme und vieles mehr begegnen uns immer wieder, und immer wieder sind wir Voyeur, suchen nach einer Geschichte und vermissen ein wenig die Kommunikation. Von diesen Darstellungen inspiriert, finden sich wenig später in den Filmen Alfred Hitchcocks (Psycho) verschiedene Gemälde Hoppers rezipiert.

Seien Sie Voyeur! – Und verfolgen Sie thematisch und chronologisch den Werdegang des Künstlers noch bis zum 16. September 2012 im Museo Thyssen-Bornemisza in der größten je in Europa gezeigten Hopper-Ausstellung. Alternativ genießen Sie die Inszenierung der Einsamkeit auch zu Hause mit dem neuen E-Book oder der gedruckten Ausgabe aus dem Parkstone-Verlag.

Das „gute“ Geschirr
24 Sep 2012

Das „gute“ Geschirr

Wer kennt das nicht, zum Familiengeburtstag wird das „gute“ Geschirr rausgeholt und zum Kaffeeklatsch und -Tratsch bei der Großmutter stehen die teuren Sammeltassen auf dem Tisch? Die Unterscheidung zwischen Alltagsgeschirr und „gutem“ Porzellan wird zum einen über den materiellen und zum anderen über den emotionalen Wert, den das jeweilige Service für den Besitzer hat, entschieden. In jedem Fall handelt es sich aber um einen Gebrauchsgegenstand, der dem Anlass entsprechend „gebraucht“ wird.

Während ich diese Tradition des „guten“ Geschirrs unglaublich genieße, kann ich die Faszination für Porzellan als Kunstobjekt mitunter nur schwer nachzuvollziehen. Ein an der Wand hängender Teller ist für mich genauso suspekt wie ein WC im Museum, wobei Duchamps „La Fontaine“ zumindest ein Statement, eine Theorie und Bewegung provozierte.

Aber lassen wir uns doch ins 18. Jahrhundert zurück versetzen und versuchen dort zumindest die Faszination für chinesisches Porzellan, eines der Importschlager unter den Luxusgütern, zu entdecken. In bunten Farben strahlen uns die Drachen, Kraniche und Blumen entgegen, Kampfszenen, Landschaften und ganze Geschichten sind unglaublich filigran ausgeführt und technisch gesehen definitiv eine Meisterleistung. Die Vasen, Teller und Teeservice sind Kunst (-Handwerk), bleiben für mich aber immer noch Gebrauchsgegenstände. Vielleicht eroberten sie sich ihren Platz auf den Kaminsimsen und Konsolen in der Zeit Friedrich II. aufgrund der doch recht schweren Beschaffbarkeit, denn Handelsabkommen und Reisezeiten von bis zu zwei Jahren waren notwendig, um das kostbare Gut aus Asien nach Emden zu verschiffen. Rarität und Preis bestimmten den Prestigewert, denn die Motive waren eher zweitrangig – anhand von kollorierten Malvorlagen wurden in China auch europäische Wünsche erfüllt.

So zeigt die Ausstellung China und Preußen. Porzellan und Tee, die in die Veranstaltungsreihe Kunst –König – Aufklärung eingebettet ist, noch bis zum Ende des Jahres eine Auswahl eines von Friedrich II. bestellten Porzellanservices und veranschaulicht zudem die Handelsbeziehungen zwischen China und Preußen. Zeitgenösische Unterstüzung bekommen die Exponate von einer Installation des Künstlers Ai Weiwei. Im Musée du quai Branly können Sie sich derweil in der Ausstellung Les séductions du palais : cuisiner et manger en Chine von der Tradition der Chinesischen Küche und den Essgewohnheiten inspirieren lassen und auch hier eine Auswahl kostbaren Porzellans bewundern.

Wer sich vorab einen Überblick über die verschiedenen Stile des chinesischen Porzellans verschaffen, oder einfch nur die asiatischen Motive genießen möchte, kann sich mit dem wunderschön illustrierten Buch Chinese Porcelain von Parkstone ein kleines Stück „gutes“ Geschirr nach Hause holen.

Eng an eng – Dancing with Renoir
24 Sep 2012

Eng an eng – Dancing with Renoir

Das, was heutzutage als eine altmodische Form der Annäherung an das andere Geschlecht eher belächelt wird, war zu Lebzeiten Pierre-Auguste Renoirs mit dem Paartanz wie Polka oder Walzer, um nur zwei zu nennen, bei gesellschaftlichen Anlässen aller Art der Standard und eine beliebte Beschäftigung im Ballsaal oder im Freien. Renoir bildet in vielen seiner Werke die lebensbejahenden Seiten des Lebens ab, fröhliche gesellschaftliche Zusammenkünfte, das anmutige Zusammenspiel der Tanzenden – Harmonie und Lebensfreude tauchen in vielen seinerGemälde als Grundmotive auf.

Zum ersten Mal seit über 25 Jahren sind die drei etwa zwei Meter hohen Gemälde der tanzenden Paare Renoirs Tanz in Bougival, Tanz auf dem Land und Tanz in der Stadt wieder im Museum of Fine Arts in Boston in einer Ausstellung vereint. Das erste Gemälde gehört dem Bostoner Museum, die beiden anderen sind Leihgaben des Musée d’Orsay in Paris.

Seine Lehre als Porzellanmaler zeigt sich in seiner detaillierten Ausführung der Gesichter und der Kleidung, während der in impressionistischer Manier mit raschen, rhythmischen Pinselstrichen und hellen Farben gemalte Hintergrund einem Farbspiel aus Licht- und Schatten gleicht. Durch den verwischten Hintergrund rücken die tanzenden Paare in den Vordergrund. Herausgehoben aus Zeit und Raum genießen die nahezu die gesamte Fläche des Gemäldes einnehmenden und damit fast lebensgroßen Paare ihre Zweisamkeit.

Besonders auf den beiden Gemälden der tanzenden Landbevölkerung herrscht eine entspannte und harmonische Atmosphäre, während die elegant gekleideten städtischen Tänzer passend zu der Atmosphäre des Salons eine gewisse Zurückhaltung pflegen.

Die Gemälde wirken wie Zeugen einer fröhlichen sorgenfreien Zeit und spiegeln eine Form des Amüsements und der sommerlichen Freizeitidyllen wider. Zur Entstehungszeit der Gemälde lag der Preußisch-Französische Krieg bereits mehr als 10 Jahre zurück, die französische Republik schien stabil und die Industrialisierung Frankreichs leitete einen Wirtschaftsaufschwung ein.

Die Leichtigkeit und Heiterkeit der Gemälde können wir auch heute in unstabilen wirtschaftlichen Zeiten als Ablenkung gut gebrauchen. Die Gemälde sind wie eine rosarote Brille, die alles Negative zu filtern vermag und beim Betrachter ein unbeschwertes leichtes Gefühl hinterlässt.

Die Ausstellung „Dancing with Renoir” des Museums of Fine Arts in Boston zeigt die drei Gemälde noch bis zum 3. September. Wenn Sie es nicht nach Boston schaffen, können Sie sich Renoir auch als E-Book mit einer großen Auswahl seiner beeindruckenden impressionistischen Gemälden nach Hause holen.

-C. Schmidt

Liebe und Leidenschaft
20 Sep 2012

Liebe und Leidenschaft

Liebe, Angst, Trauer, Freude und Lust sind Gefühle, mit denen wohl jeder schon einmal konfrontiert worden ist. Resultierend aus Emotionen, die wiederum eine Folge aus verschiedenen im Körper ablaufenden chemischen Reaktionen sind, die dann im Gehirn zu einem dieser Gefühle verarbeitet werden und anschließend in der Kontraktion verschiedener, die Gestik und Mimik beeinflussender Muskeln für unsere Umwelt sichtbar werden.

Die Rationalität eines Gefühls und seiner Entstehung erscheint in der Selbsterfahrung jedoch häufig irrational, und so ist es auch für den Menschenkenner nicht immer ein Leichtes, verschiedene Gefühlsregungen seines Gegenüber richtig zu deuten. Das mit oder über jemanden Lachen, kann ähnlich missverstanden werden wie das Weinen vor Freude, Wut oder Trauer.

Während die Deutung der Gestik und Mimik eines Gegenüber mitunter schon schwierig sein kann, sehen wir uns ebenso mit dem Versuch konfrontiert, die Empfindungen einer Mona Lisa, eines Pygmalion oder einer geraubten Europa, gelegentlich fast verzweifelnd, nachzuempfinden.

Selbst der auf den ersten Blick recht unmissverständlich erscheinende Kuss ist nicht nur Ausdruck der Lust, der puren Leidenschaft oder gar der Liebe, er kann ebenso nur freundschaftlicher Natur sein oder verräterisch.

Besonders faszinierend ist das seit Jahrhunderten sichtbare Interesse der Künstler an der Darstellung der menschlichen Empfindungen, in ihrer Schönheit und gesamten Differenziertheit. Die Herausarbeitung von Gestik und Mimik sowie die Einbettung in eine das Gefühl widerspiegelnde Bildatmosphäre mit flirrenden Farben, dunklen Räumen oder abstrakten Formen geben dem Betrachter die Möglichkeit, die Liebe, Wut, Angst und Freude nachzuvollziehen, garantieren aber nicht immer eine ultimative Antwort. So verlangt auch der romantische Kuss häufig nach der Geschichte der Liebenden, um ihn besser verstehen zu können.

Vielleicht ist es aber gerade diese kleine, bis zuletzt offen gehaltene und übrig bleibende Unklarheit über das Gefühl, die die Magie der Darstellungen ausmacht.

Noch bis zum 12. August 2012 können Sie im schwedischen Nationalmuseum in Stockholm in der Ausstellung Passions – Five Centuries of Art and the Emotions Künstler auf ihrer Entdeckungsreise des menschlichen Gefühls begleiten oder sich mit diesem wunderschön illustrierten Buch Love im handlichen Geschenkformat die Liebe zumindest visuell schon einmal nach Hause holen.

 

Wenn Sie sich mehr für den physischen Aspekt der Liebe und zwischenmenschlichen Beziehung interessieren, sollten Sie unbedingt einen Blick in unsere Bildbände Erotische Kunst, Encyclopædia Erotica und Das erotische Foto werfen.

Turner, Monet und Twombly
17 Sep 2012

Turner, Monet und Twombly

Geboren im 18., 19., bzw. 20. Jahrhundert; ein Brite, ein Franzose und ein Amerikaner; Romantiker, Impressionist und abstrakter Expressionist. Drei Maler, die von ihren Grundvoraussetzungen her unterschiedlicher kaum sein könnten, und dennoch scheinen J. M. W. Turner, Claude Monet und Cy Twombly irgendetwas gemeinsam zu haben, das einen Vergleich der Werke ihrer jeweils letzten Schaffensjahre rechtfertigt.

Versuchen wir einmal den riesigen Pulk an Werken ein wenig zu vergessen, die ihren jeweiligen Stil „allgemein“ kennzeichnen und werfen wir ausschließlich einen Blick auf ihre letzten etwa 20 Jahre. So wird vor allem bei Turner die Wandlung des Stils in Richtung einer impressionistischen Malweise erkennbar, die dann wiederum mit der Monets‘ vergleichbar wird. Spätestens jedoch, wenn man die Augen zusammenkneift und mit etwas Fantasie die Bilder betrachtet, sollte sich auch bei dem Nicht-Kunsthistoriker ein Gefühl von Ähnlichkeit einstellen.

J.M.W. Turner, The Rio San Luca alongside the Palazzo Grimani, with the Church of San Luca, um 1840. Gouache, Bleistift und Aquarell auf Papier, 19,1 x 28,1 cm. The Tate Gallery, London.

Claude Monet, San Giorgio Maggiore, 1908. Öl auf Leinwand, 59,2 x 81,2 cm. National Museum Wales, Cardiff.

Aber wie lässt sich Twombly einreihen? Vom Impressionismus scheint er weit entfernt und auch das Augenzusammenkneifen ändert nichts an dieser Feststellung. Als abstrakter Expressionist folgt er Turner und Monet weniger formal als vielmehr in der thematischen Intention, in der Herausforderung traditioneller Darstellungsweisen und dem Versuch die Grenzen der Malerei, und vielleicht auch die eigenen, auszutesten.

Cy Twombly, Quattro Stagioni: Inverno, 1993-1994. Acryl, Öl und Bleistift auf Leinwand, 322,9 x 230 cm. The Tate Gallery, London.

Drei großartige Künstler, die in dieser Kombination noch bis zum 28. Oktober 2012 in der Ausstellung: Turner Monet Twombly: Later Paintings in der Tate Liverpool bewundert werden können. Für diejenigen, die sich nicht nur auf die letzten 20 Jahre Turners und Monets beschränken möchten, gibt es diese wunderschönen Bücher zu ihrem Leben und Werk auch für zu Haus.

Vom Meisterwerk auf die Geschenkbox
17 Sep 2012

Vom Meisterwerk auf die Geschenkbox

Wer kennt sie nicht, die zwei kleinen, rundlichen Engel, die Geschenkboxen, Bettwäsche, Glückwunschkarten, Briefmarken und jeden, eigentlich überflüssigen Kitsch- und Dekoartikel zieren? Und wer von den Konsumenten dieser Artikel weiß wirklich, aus welchem großartigen Kunstwerk diese beiden Putten separiert wurden, um ihr Dasein heute in unseren Wohnzimmern zusammenhangslos und für ein „Oh wie niedlich“ zu fristen?

Raphael, Sixtinische Madonna, 1512-1513. Öl auf Leinwand, 269,5 cm × 201 cm. Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden.

In Raffaels Sixtinischer Madonna sind sie entscheidender Bestandteil der Bildkomposition. Sie halten den Blick des Betrachters im Bild, der über Papst Sixtus zur Madonna mit dem Jesuskind und zur heiligen Barbara führt, die wiederum zu den Putten schaut. Die beiden erwiedern ihren Blick und nehmen den Betrachter in diesem erhabenen Renaissancegemälde gefangen. Die Bildgeometrie und Blickführung bedürfen dieser beiden Engel, um zu funktionieren.

Dennoch sind sie Nebendarsteller in dieser Szenerie, in der Papst Sixtus und die heilige Barbara die Madonna mit dem Kind flankieren. Ursprünglich war das Gemälde an der Rückseite des Hochaltars der Klosterkirche San Sisto in Piacenza gegenüber einem Kruzifix angebracht. Erklärt sich damit der (heute ebenfalls aus dem Zusammenhang gerissene) Blick Marias und der Fingerzeig Sixtus‘ als Vorausdeutung auf die Leiden Christi? Und welche Bedeutung kommt den einem Wolkenschleier gleichenden Himmelsscharen im Hintergrund zu?

Entdecken Sie dieses großartige Meisterwerk der Kunstgeschichte noch bis zum 26. August in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden in der Ausstellung Die Sixtinische Madonna – Raffaels Kultbild wird 500, oder verpacken Sie doch einfach mal unser Raffael im handlichen Print-Format oder als E-Book in einer kleinen Geschenkbox, die zwei Engel zieren, und geben Sie ihnen so ihren Zusammenhang zurück.

Die Meister des Chaos
17 Sep 2012

Die Meister des Chaos

Afrika – bei dem Gedanken an diesen Kontinent packt mich die Reiselust. Ägypten, der Nil, die Sahara, Safaris, das bunte Leben Kapstadts, aber auch Elfenbein und Blutdiamanten fallen mir bei meinem spontanen Brainstorming ein. Aber was wissen wir in Europa wirklich über das Leben in Afrika, Traditionen, Rituale, Kunstwerke und deren Bedeutung?

Persönlich verbinde ich mit diesem Kontinent immer auch etwas Mystisches, vor allem mit seinen Urvölkern, ihrer Lebensweise und ihren Medizinmännern. Würde ich mich freiwillig in die Hände eines Schamanen begeben und mich damit seinen mir unbekannten Ritualen hingeben? Wäre der Respekt vor dem Unbekannten, vielleicht auch Angsteinflößendem, nicht größer als die Neugierde? Mit Schamane meine ich hier einen „richtigen“ Schamanen, nicht den Hokuspokus, den man in europäischen „Schamenen-Schulen“ erlernen kann.

In den Urvölkern herrscht eine so immanente Überzeugung, dass diese Schamanen, die sich zwischen der Realität und der spirituellen Welt bewegen, versuchen einen Sinn in das uns umgebende Chaos zu bringen. Sie stehen in mystischer Kommunikation mit dem Übersinnlichen und verneinen die Kraft der Unordnung, Sie heilen Krankheiten und führen Exorzismen durch. Ein jahrhundertelanger Glaube an die Tradition des Schamanismus sollte doch überzeugend genug sein.

Die Fragen nach dem Glauben an und nach dem Vertrauen in diese „Meister des Chaos“ muss wohl jeder für sich selbst beantworten, wenn er einmal die Möglichkeit haben sollte ihnen zu begegnen. Für diejenigen, die bis dahin für die Beantwortung dieser Fragen noch eine Hilfestellung brauchen, zeigt das Museum Quai Branly noch bis zum 29. Juli eine eindrucksvolle und vielseitige Ausstellung mit einem besonderen Blick auf die weltweiten religiösen und kultischen Angehörigen verschiedener heute noch existierender Stämme.

Viele anthropologische Fundstücke werden von Werken zeitgenössischer Künstler begleitet, was die Ausstellung zu einem interessanten Museumserlebnis macht, welches aber mitunter nichts für schwache Nerven ist.

Wenn Sie sich nicht nur für die Maîtres du Désordre interessieren, sondern die afrikanische Kunst in ihrer gesamten Vielfalt kennenlernen möchten, schauen Sie doch mal in Die Kunst Afrikas, ein qualitativ hochwertiges, reich bebildertes Kunstbuch von Parkstone.

Die byzantinische Kunst – Antike Wurzeln mit christlichen und muslimischen Blüten
17 Sep 2012

Die byzantinische Kunst – Antike Wurzeln mit christlichen und muslimischen Blüten

Die Kunstgeschichte ohne das Byzantinische Reich? Unvorstellbar.

Als Erbe der römischen Spätantike ist die Geschichte des Byzantinischen Reiches eng an die Regierungszeit Kaiser Konstantins des Großen geknüpft. Der Regierungsantritt Konstantins im Jahr 306 gilt in der klassischen Geschichtsschreibung zugleich als Geburtsstunde des über tausend Jahre währenden Kaiserreiches im östlichen Mittelmeerraum.

Um 630 mit der Aufgabe der lateinischen Amtssprache war der endgültige Wandel vom oströmischen zum byzantinischen Reich abgeschlossen. Die Geschichte des Reiches war geprägt durch einen ständigen Kampf um die Erhaltung der äußeren Reichsgrenzen. Die Gebietsveränderungen durch Expansionen, Eroberungen und Rückeroberungen waren enorm. Bis zur endgültigen Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen wechselten sich Friendens- und Kriegszeiten ab.

In Mitten des stark umkämpften Kaiserreiches befindet sich bis heute eine der bedeutendsten künstlerischen Fundgruben der Welt: Monumentale Gotteshäuser, goldglänzende Mosaike und kostbare Wandmalereien mit streng blickenden Ikonen. Nachdem Konstantin das Christentum privilegierte, gelangte mit der nun gebilligten Heiligenverehrung die Ikonendarstellung zu ihrer Blüte, die bis heute oft stellvertretend für die byzantinische Kunst gilt.

Thronender Christus (Detail), 1280. Mosaik. Hagia Sophia, Istanbul.

In der orthodoxen Kirche wurden die Ikonen als heilig angesehen und verehrt, da sich in ihnen Gott auf mystische Weise offenbare.

Viele der byzantinischen Kunstwerke wurden in Kriegszeiten zerstört, gestohlen oder beschädigt. Die byzantinische Kunst überdauerte jedoch den Fall von Konstantinopel und nahm einen bedeutenden interkulturellen Einfluss, insbesondere auf die Heiligendarstellung und auf die sakrale Architektur der folgenden Kunstepochen.

Die Hagia Sophia im heutigen Istanbul verdeutlicht diesen kulturellen Einfluss Byzanz: Als christliches Gotteshaus ein Beispiel par exellence der byzantinischen Architektur, basierend auf antiken Prinzipien, ist die Kuppelbasilika heute ein bedeutendes Vorbild für Moscheen.

Die überwältigende Schönheit des Byzantinischen Reiches ist, wenn man sich nicht vor Ort befindet, kaum vorstellbar, und lässt sich schwer in einer Ausstellung rekonstruieren. Einen solchen Versuch unternimmt nichtsdestotrotz noch bis zum 18. Juli 2012 The Metropolitan Museum of Art mit der Ausstellung Byzantium and Islam: Age of Transition. Als Lektüre für zu Hause vermittelt Ihnen das E-Book Byzantinische Kunst einen umfangreichen (ersten) Einblick in die Kunst des Kaiserreiches.

-C. Schmidt

Die Belles Heures des Herzog von Berry
17 Sep 2012

Die Belles Heures des Herzog von Berry

Ein letztes Mal ist es den Parisern und ihren Besuchern vergönnt, die Blätter der Belles Heures des Jean de France, Herzog von Berry, im Louvre zu bestaunen, bevor sie zur Bindung wieder ins Metropolitan Museum of Art nach New York zurückkehren. Mit den Belles Heures, eines der schönsten uns erhaltenen Beispiele eines illustrierten Stundenbuches, lag dem frommen Besitzer eine Gebets- „Gebrauchsanleitung“ vor. So konnte er, dem Leitfaden folgend, auch außerhalb der institutionellen kirchlichen Andachten Daheim zu jeder Stunde seiner Hingabe zu Gott im Gebet freien Lauf lassen.

Die Brüder Limbourg, Les Très Riches Heures du Duc de Berry: Monat May, um 1412-1416. 22,5 x 13,6 cm. Musée Condé, Chantilly.

Aber wer hat bzw. nimmt sich heute in unserer mehr und mehr weltlich orientierten Gesellschaft noch die Zeit, jede Stunde ernsthaft zu beten? Abgesehen von dem spontanen, in den Alltagsgebrauch übergegangenen und wenig fromm gebrauchten „Gott sei Dank, ist dir nichts passiert“ oder „Bitte, lieber Gott, lass den Zug heut einmal pünktlich sein“, findet sich die Anrede des Herrn eher selten und auch hier fällt es schwer,die ernst gemeinte Bitte zu finden, uns vor Versuchung und dem Bösen zu beschützen.

Ob gläubig oder nicht, Gebetsformeln haben eine Inflation erlebt. Und auch der außerordentlich gute Zustand dieses mittlerweile 600 Jahre alten Stundenbuchs lässt Zweifel aufkommen, dass bereits Jean de France es wirklich regelmäßig benutzte. Auch scheint es ihm und den Illustratoren, den Brüdern Limbourg, nicht wirklich vor Unheil beschützen können, denn sie alle fielen vermutlich der Pest zum Opfer, bevor sie ihr 30stes Lebensjahr erreichten.

Noch knapp zwei Wochen sind die Blätter der Belles Heures des Herzog von Berry im Louvre zu sehen, wenn Sie diese Gelegenheit jedoch verpassen sollten, empfehlen wir Ihnen unser E-Book Set zur Kunst des Mittelalters.

Nur in der Landschaft existieren wir, und wir sind die Geschöpfe einer Landschaft (John Constable)
10 Aug 2012

Nur in der Landschaft existieren wir, und wir sind die Geschöpfe einer Landschaft (John Constable)

Seien es Fakten oder Klischees, für jedes Land kursieren im kollektiven Gedächtnis eine Reihe landestypischer Besonderheiten und Skurrilitäten.

Was verbinden wir heute mit England? Was ist für uns typisch britisch? Der obligatorische schwarze Tee zur nachmittäglichen „Tea time“? Die Queen? Die aufwendigen Hüte und farbenfrohen Kostüme der High Society? Mr. Bean oder der schwarze Humor der Bevölkerung? Der Regen?

Einen ganz anderen Blickwinkel auf ihr Heimatland pflegten die englischen Maler zu Beginn des 19. Jahrhunderts, dem „Goldenen Zeitalter“ der Landschaftsmalerei.

Als Sohn eines Friseurs machte sich Joseph Mallord William Turner wenig aus Adel und Königshaus, nicht die Menschen, sondern die Landschaft faszinierte ihn. Einen Großteil seiner Kindheit verbrachte er auf dem Land, die ersten seiner späteren Meisterwerke schuf er in einem Alter von 12 Jahren. Ohne je eine künstlerische Ausbildung absolviert zu haben, wurde er zu einem der führenden Vertreter der Landschaftsmalerei und ist bis heute einer der bedeutendsten Künstler der englischen Kunstgeschichte.

Turner und John Constable, um gleich die beiden erfolgreichsten Künstler dieser Gattung in England zu nennen, wollten jedoch kein reales Abbild der Wirklichkeit schaffen, es ging ihnen nicht um das Wahrnehmbare, Faktische, sondern gerade um die Sichtbarmachung des Unsichtbaren, des spirituellen und des emotionalen, menschlichen Inneren, für dessen Darstellung sie die Landschaft als Spiegel heranzogen.

John Constable, Stonehenge, 1835. Aquarell auf Papier, 38,7 x 59,7 cm. Victoria and Albert Museum, London.

Obwohl viele der abgebildeten Motive real existieren und zuordenbar sind, spielt der Wiedererkennungseffekt, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle.

Die Künstler wollten sich nicht in der mimetischen Nachahmung der Natur messen, sondern etwas noch nie auf diese Weise Dargestelltes abbilden:„Malen ist ein anderes Wort für Fühlen“, diese Aussage Constables macht seine Zugehörigkeit zu den Romantikern offenkundig.

Als Topograf kann auch Turner nicht betrachtet werden, obwohl er seine Skizzen nach und in der Natur anfertigte, variierte er die Höhe der Berge, die Breite der Täler und vor allem die Farbigkeit des Dargestellten in seinen Aquarell- und Ölgemälden und schuf dadurch Stimmungsbilder.

J.M.W. Turner, Warkworth Castle, Northumberland – Gewitter nähert sich bei Sonnenuntergang, 1799. Aquarell auf weißem Papier, 52,1 x 74,9 cm. Victoria and Albert Museum, London.

Kontrastierend zu der genauen Naturbeobachtung steht die malerische Linienführung, die zugunsten des Lichts und der Farbe in den Hintergrund rückt. Formen und Farben zerfließen miteineinander und werden zu einer Einheit aus hellen und dunklen Partien, zu einer Mischung aus Sichtbarem und Verborgenem.

Durch den großen Erfolg der englischen Landschaftsmalerei im 19. Jahrhundert gilt diese bis heute als das englischen Genre schlechthin, was auch der Titel „So Peculiarly English: topographical watercolours” der aktuellen Ausstellung im Victoria and Albert Museum in London beweist.

Die Ausstellung präsentiert seit dem 7. Juni 2012 und noch bis zum 1. März 2013 eine Auswahl der bedeutendsten englischen Landschaftsgemälde. Obwohl sie der topografischen Landschaftsdarstellung nicht entsprechen, umfasst sie auch – vermutlich der Vollständigkeit halber oder aufgrund der großen Popularität ihrer Schöpfer – Werke Turners und Constables.

Nähere Informationen zu einem der klassischen englischen Landschaftsmaler – vor (oder nach) dem Besuch der Ausstellung –  liefert das E-Book zu William Turner.

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